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21 Sep
2012
Posted in: Sattirre
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Deutscher Anrede-Irrsinn

Politisch korrekt zu handeln oder reden ist ja in Deutschland seit einiger Zeit in. Nach neuesten Umfragen haben allerdings viele noch nicht so ganz verstanden, wer die Regeln festlegt und was das im Einzelnen soll. Trotzdem wollen oder können sie sich diesem Zeitgeist nicht entziehen oder fühlen sich ihm machtlos ausgeliefert.

Während z.B. zwei große Rechtschreibereformen dafür sorgen sollten, dass der Gebrauch der deutschen Sprache vereinfacht wird, wurde von verantwortlicher Seite eine Verschlimmbesserungserweiterung nahezu widerstandslos hingenommen: die offizielle Anrede.

Vermehrt fragen sich die Bürger, ob die Deutschen zu blöd geworden sind, zu begreifen, dass „Liebe Leser“ als Oberbegriff männliche und weibliche Wesen umfasst? Der erste tapsige Emanzipationsversuch, böse Stimmen sprachen schon früh von Minderwertigkeitskomplexbewältigung,  startete mit „Liebe Leser/innen“ bzw. „Liebe LeserInnen“ . Während sich alle Welt über die angebliche EU-Regulierungswut der Brüsseler Eurokraten aufregt, scheinen sich die meisten geduldig mit den nervigen Doppelanreden „Liebe Leser, liebe Leserinnen“ abgefunden zu haben. Wie viel wertvolle Zeit hätte man gewonnen, wenn einem dieser verbale Müll erspart bliebe! Es ist schon manchmal putzig, wie krampfhaft konzentriert Interviewte sich mehr auf die korrekte Anredeform statt auf Inhalte zu konzentrieren scheinen.

Es ist wohl wie mit der Sommerzeit. Keiner will die Umstellung, aber wie ein Naturereignis hat sie sich verselbstständigt. Gute Argumente für eine Abschaffung werden ignoriert. Fügen wir uns also geduldig in unser Schicksal.

Betrachten wir es einmal von der positiven Seite: Wir haben hier ein dankbares Betätigungsfeld für engagierte Emanzipationsfans von Stammtischdiskussionen bis hin zu Doktorarbeiten, deren Ausführungen die nächste Reform auslösen könnte. Auch Quizsendungen wie „Red´ dir eine Million an“ könnten sehr hilfreich sein. Nach der Aufstellung von ultimativen Regeln müssen die Kandidaten die richtige Anredeform finden.

Hier sollen nur einige weltbewegende Probleme angedeutet werden, die einer wissenschaftlichen Aufarbeitung harren:

  • Wie lautet die weibliche Anredeform für:
    Sadist, Scherzkeks, Sträfling, Musterknabe, Witzbold, Dummkopf, Querkopf, Gast, Quatschkopf, Schiedsrichter, Suppenkaspar, Fußballfan, Muskelprotz, Räuber, usw.?
  • Wie redet man einen weiblichen Vertreter der Grünen an? Liebe Grünin? Liebe Grünenin?
  • Nicht hinnehmbar ist im Zuge der Reform die Diskriminierung der Männer. Wie lautet die männliche Anredeform für: Transuse, Xantippe, Dame? Für „Herr“ gibt es „Herrin“, aber umgekehrt?
  • Kann man die einseitige Fixierung einzelner Bezeichnungen auf nur ein Geschlecht noch hinnehmen? Müssen für Bruder-Schwester, Onkel-Tante usw. neue Bezeichnungen gefunden werden?
  • Wie ist mit Begriffen wie „Eltern“ umzugehen, besonders im Zusammenhang mit der Diskussion um die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Eltern?
  • Kann man die diskriminierende Anrede-Einschränkung auf männlich/weiblich noch akzeptieren? Muss vielleicht eine erweiterte Anredekultur für gleichgeschlechtlich Orientierte oder Transsexuelle geschaffen werden?

Packen wir es an! Große Aufgaben warten auf uns. Sollten wir vielleicht in Zukunft nur noch „Hallo, ich grüße Sie alle!“ sagen oder ganz auf die Anrede verzichten? Gerüchten zufolge soll in Briefen auch das „Sehr geehrte Damen und Herren“ bereits als Beleidigung eingestuft werden. „Hey“, „Hallo“ oder gar nichts sind ja auch schon in.

Was ist eure Meinung?